»Man ist nie vor seinem Ego sicher«
Henry Gründler gibt sich im Interview mit SF ungewohnt ernst und philosophiert über seine Vergangenheit, die Gegenwart und seine mögliche Zukunft.

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Henry Gründler gibt sich im Interview mit SF ungewohnt ernst und philosophiert über seine Vergangenheit, die Gegenwart und seine mögliche Zukunft.
Exklusiv für Stilfetischisten.de von Daniel Philip Schuster
Seine Stimme ist unverwechselbar - Und seine betont ruhige Art als Comedy-Nachrichtensprecher der »Freitag Nacht News« ging in die Geschichte der nationalen Fernsehunterhaltung ein. Im Interview mit Stilfetischisten.de gibt sich Henry Gründler ungewohnt nachdenklich und spricht offen über die Vergangenheit, die Gegenwart, und was er von einer Zukunft als Nachrichtensprecher der »Tagesschau« hält.
Daniel Schuster: Herr Gründler, Sie hatten bis heute ein bewegtes Leben: Sie waren bekanntermaßen Moderator, aber auch Chauffeur und Detektiv. Sie waren in Brasilien, Argentinien und in Deutschland – Haben zwei Ehen durchlebt. Sind Sie jetzt angekommen?
Henry Gründler: Immer langsam! Eine Ehe bis jetzt - Meine Töchter stammen aus einer »wilden Ehe«. Angekommen insofern, als dass es jetzt ziemlich klar ist, dass man ohnehin nur in sich selbst zuhause sein kann. Ortswechsel können hilfreich sein, erweitern auch den Horizont, aber richtig weg kommt man nicht vom Unerwünschten - Man nimmt sich ja mit… Und Deutschland ist ein tolles Land zum Leben, hab ich festgestellt.
Daniel Schuster: Viele Leser werden Sie als Nachrichtensprecher der RTL Comedy-Sendung »Freitag Nacht News« kennen. Was hat die Moderation dieser Sendung für Sie bedeutet? Sieben Jahre sind eine sehr lange Zeit im schnelllebigen Comedy-Bereich.
Henry Gründler: Stimmt, wir waren auch alle platt, wie lange wir am Leben und auf Sendung gelassen wurden. Es war eine tolle Zeit. Ich habe es wirklich geliebt: Das Team war wie eine Familie, obendrein so lustige Leute! Ich hab die besten Freunde gefunden und die Stadt Köln lieben gelernt. Auch inmitten einer fürchterlich tiefen Lebenskrise wurde plötzlich klar: Comedy ist kein Widerspruch dazu, Lachen ist nicht oberflächlich, sondern eher… Göttlich.
Daniel Schuster: Nicht nur viele Damen wissen Ihre markante Stimme zu schätzen. Wieso sprechen Sie nicht die Tagesschau? Entsprechende Referenzen haben Sie zweifelsohne vorzuweisen…
Henry Gründler: Eigentlich eine gute Idee! Hab ja vorher schonmal fünf Jahre ernstgemeinte Nachrichten gelesen. Nichts lieber als das - Vorausgesetzt man kauft mir ab, was ich da erzähle.
Daniel Schuster: Sind Sie sich der Wirkung Ihrer Stimme eigentlich bewusst?
Henry Gründler: Nö. Ist das so?
Daniel Schuster: Ich denke schon. Sie ist ungewohnt tief und klingt sehr, äh, nun ja, männlich? Seriös? Haben Sie Ihre Stimme denn schon als manipulatives Mittel eingesetzt?
Henry Gründler: Um Gottes Willen! Nein! Hoffe ich zumindest. Man ist ja vor seinem Ego nie und nirgends sicher, aber ich find Tricksen, Technik und Manipulieren im Umgang mit Menschen völlig unpassend. Im Zweifel hab ich auch gern auf einen möglichen »Aufriss« verzichtet.
Daniel Schuster: Sie entstammen einer tansanisch-brasilianischen Familie. Welche kulturellen Einflüsse haben Sie mitgebracht, als Sie mit vier Jahren nach Deutschland einwanderten?
Henry Gründler: Da kann ich mich gar nicht mehr so recht erinnern. Spanisch hab ich wohl damals gebabbelt, dann aber gründlichst verlernt. So wuchs ich dann ganz deutsch auf, meine Eltern sind ja letztlich auch deutschstämmig. Nur ab und zu schlich sich der Verdacht ein, dass zuhause einiges anders ist als woanders.
Daniel Schuster: Zum Beispiel?
Henry Gründler: Zum Beispiel immer eine offene Tür für jedermann, auch für »freakige« Gestalten und komische Leute, die in fremden Zungen sprechen.
Daniel Schuster: Sie sind mit 17 Jahren nach Südamerika zugekehrt. Eine Suche nach Ihren Wurzeln?
Henry Gründler: Nein, höchstens unbewusst. Ein bisschen neugierig war ich aber schon, was dieses Argentinien, von dem alle reden, eigentlich für ein Land ist. Es war sofort das Paradies für mich - zumindest für die ersten Jahre - und ich vergaß völlig, wo ich herkam. Das ganze übrigens trotz Militärjunta, und tausender Verschwundenen.
Daniel Schuster: 1983 kamen Sie nach Deutschland zurück und begannen zu studieren. In dieser Zeit sollen Sie als Chauffeur, Detektiv und Krankenpfleger gearbeitet haben.
Henry Gründler: Ja… Ich fürchte nur, es waren noch viel mehr Jobs. Unter anderem auch Nachtwächter, Reiseleiter auf Fuerteventura, Liegewagenschaffner und zahllose andere, auch wenig glorreiche Sachen.
Daniel Schuster: Welches war denn der gewinnbringendste Beruf? Und welche Tätigkeit war weniger glorreich?
Henry Gründler: Gewinnbringend im weitesten Sinne war sicherlich der Reiseleiterjob für Neckermann, ein wirklich toll geführter Laden übrigens. Richtig daneben ging meine Ladenhilfe in einem Münchner Feinkostgeschäft. Am dritten Tag steht die Inhaberin vor mir und sagt: »Ich kann mir das nicht länger ansehen.« Ich wusste nicht was ich dem entgegenbringen sollte, als sie sagte: »Sie sind für was anderes geschaffen!« Dann zahlt sie mir das Geld für eine Woche, und ich konnte gehen. Niemand sonst hat je so an mich geglaubt, glaub ich.
Daniel Schuster: Können wir damit rechnen, demnächst wieder von Ihrer Berufswahl überrascht zu werden? Was kommt auf uns zu?
Henry Gründler: Na, schauen wir mal. Ich tue eigentlich seit vielen Jahren nichts lieber, als persönliche, tiefgreifende Gespräche mit Freunden und Fremden, über Beziehung, Liebe und Ego… Und vor allem: Was eigentlich wirklich nicht funktioniert, und was doch. Und jetzt schlage ich auch den Weg als Coach ein, es liegt mir eben.
Daniel Schuster: Im Jahr des Mauerfalls begann ihre Journalistenkarriere bei »TV-München«. Wie haben Sie diese Zeit wahrgenommen – Gerade in der Funktion des Nachrichtensprechers?
Henry Gründler: Wir haben eher Lokalnachrichten gemacht - Aber es war das beherrschende Thema. Ich schau ja praktisch nie fern, aber da saß ich fast rund um die Uhr vor der Glotze, und war völlig überwältigt. Bewegender kann Politik einfach nicht sein, egal ob Nachrichtensprecher oder nicht. Man wohnte live einem faszinierenden Kapitel der Weltgeschichte bei.
Daniel Schuster: In wieweit hat Ihnen die Arbeit dort insgesamt gefallen? Man könnte meinen, die »Freitag Nacht News« sind eine kleine Rache am Nachrichtengeschäft.
Henry Gründler: Auch da hatte ich Glück, auch »TVM« war eine Familie - Bis heute übrigens. Und: Nein, keine Rache. Es ist so: Wenn man sich mit den Nachrichten näher befasst, das auch noch beruflich, dann kann einem schon der Verdacht kommen, dass einiges nicht, nun ja, dass einiges nicht gut ist. Zum Beispiel die schlimmen Meldungen, die bei vielen vielleicht nur eine langsame Abkehr von der Welt da draußen bewirken… Die Welt, die als Kind mal ganz und gar unsere war. Da gehen Teilnehmer flöten. Oder mangelndes Augenzwinkern bei angeblich ernsten Themen, oder einfach »Verlautbarungsjournalismus«. Das ist so dämlich, da ist Nachrichtencomedy ein mindestens ebenso richtiger Weg. Nur viel lustiger.
Daniel Schuster: Die Welt hat sich verändert – Auch die Nachrichten?
Henry Gründler: Na ja, nach meinem Empfinden sind sie nicht intelligenter geworden. Seit Hajo Friedrichs, der Beste jemals, gings eher bergab. Und die Tendenz, Boulevardmist, Blut und Sperma weit nach vorn zu rücken und breit zu treten nimmt immernoch zu. Sogar im Öffentlich-rechtlichen. Von Seuchen à la »taff« ganz zu schweigen.
Daniel Schuster: Würde man die »Freitag Nacht News« heute noch produzieren, gäbe es Themen, die sie ausschließen würden?
Henry Gründler: Klar, wie damals allerdings auch: Keine Zoten über Unglücke und Katastrophen, - wo Betroffenheit herrscht, da hält man angemessenerweise die Klappe. Nine-eleven, oder der Tsunami waren solche Gelegenheiten. Kriege oder Völkermord, auch: Garnicht witzig. Aber gewisse politische Aspekte, Ungereimtheiten oder die seltsame Berichterstattung darüber kann und sollte man sich dann schon vorknöpfen. Das sind keine »Bruhaha-Schenkelklopfer«, aber es kann so vieles entlarvt werden. Die Nazis sind so ein Thema: Keine Opferverhöhnung, aber wieso nicht die Täter verhöhnen? Und auch die political-correctness Maschine, die so furchtbar nervt.
Daniel Schuster: Kann man die Welt denn nur noch mit Sarkasmus und Ironie ertragen?
Henry Gründler: Wenn ich diese Wörter richtig verstehe, ist beides nicht ganz richtig - obwohl ich nicht sagen kann, dass mir das fremd wäre. Aber: Der beste Humor hat keine intellektuelle Distanz, geht eigentlich nicht auf Kosten anderer, führt Verhaltensweisen vor oder ist einfach schön blöd oder absurd. Notfalls haut man noch auf Klischees rum, oder auf Promis.
Daniel Schuster: Und die aktuelle Debatte über Geldgutscheine der Bundesregierung…
Henry Gründler: Als Nicht-Ökonom kann ich nicht sagen: Saublöde Idee, aber ist natürlich das perfekte Beuteschema für jede Comedy, als wärs in erster Linie dafür gemacht.
Daniel Schuster: Was würden Sie sich kaufen?
Henry Gründler: Auf die hohe Kante legen ist wahrscheinlich nicht der Sinn der Sache… (grinst) Hm, hab ja schon alles… Dann eben Kinokarten.
Daniel Schuster: Wie kann man sich überhaupt Ihren Lebensstil vorstellen?
Henry Gründler: Ah, die Stylefrage! Hat ja n’bisschen gedauert! Also das Wohnen: Partysicher muss es sein, zeit-, trend- und schnörkellos, und im Zweifel lieber zu rustikal als zu spießig, lieber schlicht als üppig, lieber »Space« als »Stehrumchen«. Heißt in unserem Fall: Terracotta, weiße Wände, Möbel teilweise gemauert, helle Holzbalken. Viel wichtiger ist allerdings, dass es lebendig zugeht, Leute gerne kommen, und sich wohlfühlen. Deswegen steht z.B. nichtmal ein Fernseher im Wohnzimmer. Obendrein wohnen wir mit Freunden unter einem Dach
Daniel Schuster: Was finden Sie in deutschen Wohnungen ganz schlimm? Ich persönlich verachte ja Leute, die blaue Holzschmetterlinge an der Tür haben. Die haben meistens auch Gemälde von Katzen an der Wand hängen.
Henry Gründler: Stimmt, muss nicht sein. Also vordergründig betrachtet, ist das Übel meist schon in der alles dominierenden Wohnzimmerschrankwand zu erkennen, dann gibts da vielleicht noch Nippes, und es herrscht eine für mich schwer zu ignorierende Puppenstubenidylle. Wenn man dann noch die Schuhe ausziehen soll, reichts mir eigentlich, da spielen Gäste eine untergeordnete Rolle.
Daniel Schuster: Ich danke Ihnen für dieses Interview und wünsche Ihnen viel Erfolg und hoffe inständig, Sie bald wieder im Fernsehen bewundern zu dürfen.
Henry Gründler: Das ist lieb… - Ja, vielleicht gibt’s wieder mehr zu lachen, wenn die Rezession vorbei ist. Ich vermiss die »Freitag Nacht News« auch, können sie mir glauben. Danke Ihnen auch!
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Herr Schuster, danke für dieses Interview… und jaaaaaa, er hat eine sehr einnehmende Stimme, die hör ich auch immer gern… *seufz* Mehr davon, Herr Schuster, mehr davon!!!
Wenn ich mir heutzutage die “FORMATE” zur Bespaßung ansehe muss ich gleich wieder auf ARTE schalten……….BÄHHHHH……….Henry hatte in seiner Sendung noch FORMAT………….Come Back……….chers
Dasv Interview habe ich heute endeckt. Schade, das es bei RTL keine Nacht News mehr gibt. Nach der ersten Sendung, hatte ich einige Anrufe. Ich stehe nämlich im Telefonbuch.
1½
Verfasst von wallis 2oo8 am 13.12.2008
au weia, das hat ja wirklich viel arbeit gemacht, sich auf
diesen mann vorzubereiten. das zeichnet einen guten intervieuwer
aus. klasse gemacht. jetzt weiß ich viel mehr über herrn gründler
durch dieses interview.